Zehn Tage vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus saßen bei Circuit in Kreuzberg zwei Parteien auf einem Podium mit den Menschen, die in dieser Stadt KI bauen. Mehr als 50 Anmeldungen, 85 Prozent davon aus Berlin. Ein Sitz pro Partei, gleiche Redezeit, eine Frage an alle – zum EU AI Act, zum KI-Omnibus-Verfahren und zu dem, was das Land Berlin selbst in der Hand hat.
Das Format war absichtlich eng gefasst. Keine Folien vom Podium, keine Eingangsstatements – die Moderation stellte jede Frage allen Gästen nacheinander und fragte dann nach. Der Abend lief auf Deutsch.
Türen bei Circuit, dem Community-Space in Kreuzberg, der den Abend ausgerichtet hat.
AI Agents Berlin eröffnete mit dem, was KI-Agenten heute tun und an welchen Stellen der AI Act greift – danach übernahm Jelena Hentschel für The AI Collective.
Aiga Senftleben und Christoph Wapler: was sich für Berliner Unternehmen konkret ändert, ob das KI-Omnibus-Paket Vereinfachung oder Absenkung ist, und welche Hebel das Land selbst hat – Verwaltung, Vergabe, Fachkräfte, Rechenkapazität.
Dreißig Minuten, direkt aus dem Raum.
Bis zum Schluss.
Die einzige Person auf dem Podium, die das, worüber diskutiert wurde, selbst einhalten muss. Sie brachte die Linie von Volt aus dem KI-Omnibus-Verfahren mit und die Gründerinnensicht darauf, was der AI Act in der Praxis kostet.
Direktkandidat für Charlottenburg-Wilmersdorf. Sein Feld ist Wirtschaft und Arbeitsmarkt, nicht Digitalpolitik – das zog den Abend zu Standort, Vergabe und Fachkräften statt zu abstrakter Regulierung.
Eröffnete den Abend für The AI Collective mit der Sicht aus der Praxis: wie Einführung in einer regulierten Branche tatsächlich aussieht, bevor die Politik übernahm.
Führte durch den Abend. Dieselbe Eröffnungsfrage an alle, rotierend, wer zuerst antwortet, dann Nachfragen – der Mechanismus, der aus gleicher Redezeit eine Tatsache statt einer Behauptung macht.
Die folgenden Punkte sind eine Zusammenfassung des Abends durch AI Agents Berlin – keine wörtlichen Zitate und keine autorisierten Aussagen. Verbindlich ist jeweils das, was die Parteien selbst veröffentlichen; die Programmlinks stehen weiter unten.
Aiga Senftleben: Digitalisierung dort ansetzen, wo sie am meisten weh tut – im Bauamt. Und der Staat solle Ankerkunde werden, also selbst als erste Kundin junger Unternehmen auftreten, statt nur zu fördern.
Christoph Wapler: Startups zur Chefsache machen und zentral an der Spitze der Landesregierung ansiedeln statt verteilt auf Ressorts. Es brauche vor allem eine Verwaltung, die mutig ist.
Aiga Senftleben: Effizienzgewinne könnten den Personalbedarf in einzelnen Bereichen deutlich senken – sie nannte die Größenordnung, in der aus rund 40.000 Stellen 10.000 bis 15.000 werden könnten – und was dort eingespart wird, gehöre an anderer Stelle wieder aufgebaut. Als Beispiel für ein europäisches Werkzeug nannte sie DeepL.
Christoph Wapler: KI stecke in der Verwaltung noch in den Kinderschuhen. Bei Sicherheitssoftware verwies er auf die Probleme, die in der Debatte um Palantir diskutiert werden.
Aiga Senftleben: Autonomes Fahren als der große Hebel: hoher Gewinn für die Stadt, und deutlich weniger Fläche, die für Parkplätze gebraucht wird.
Christoph Wapler: Die Debatte um die 30-Stunden-Woche und Klimaneutralität – und, sehr konkret, Entbürokratisierung im Sozialbereich mit deutlich leichterer Antragstellung.
Zur Einordnung, und weil das Podium nur zwei der fünf Parteien abbilden konnte: die Digitalisierungskapitel der beiden vertretenen Parteien zur Abgeordnetenhauswahl 2026, jeweils im Original.
Vorrang für Open Source nach dem Grundsatz „Public Money, Public Code“, ein digitales Konnexitätsprinzip, Once-Only, und der Einsatz von KI in der Verwaltung auf einer eigenen rechtlichen Grundlage – mit dem ausdrücklichen Satz, dass Entscheidungen über Menschen von Menschen getroffen werden müssen. Dazu Vorrang für KI-Systeme aus Deutschland oder Europa und der Ausbau des ITDZ zum landeseigenen Plattformanbieter.
Eine digitale Verwaltung, die an Ergebnissen gemessen wird: mit dem Once-Only-Prinzip geben Berliner:innen ihre Daten nur einmal an, mit der Genehmigungsfiktion gelten vollständige Anträge nach Fristablauf automatisch als genehmigt. Im Kapitel „Berlin schafft“ steht daneben Berlin als Erstkundin für neue Technologien – genau der Ankerkunden-Gedanke, der an diesem Abend auf dem Podium stand.
Nicht die Positionen der Parteien – die stehen oben. Das hier ist, was im Raum als Befund stehen blieb, zusammengefasst von AI Agents Berlin: keine wörtlichen Zitate, keine autorisierten Aussagen, keine Position einer Partei.
In den aktuellen Ausschreibungen des Landes Berlin kommt KI praktisch nicht vor. Nicht als Anforderung, nicht als Kriterium, nicht als Option. Der Befund erklärt mehr als jede Regulierungsdebatte: Wer nichts ausschreibt, bekommt nichts geliefert – und ein Markt, der auf den größten Auftraggeber der Stadt wartet, wartet vergeblich.
Die Vergabestellen selbst sind die Engstelle. Sie sind überfordert, fachlich wie personell, und genau deshalb landete der Abend wiederholt bei Bündelung und Zentralisierung – weniger Stellen, die dafür können, statt vieler, die es nebenbei machen.
Sicherheit und Schulung sind kein Nebenposten, sondern die Voraussetzung – und beides ist im Landeshaushalt nicht ausreichend hinterlegt. Der Verweis auf zurückliegende Angriffe auf öffentliche IT stand als Warnung im Raum, nicht als Vorwurf.
Keine Partei macht sich für die Chancen von KI stark. Unternehmen, die KI einsetzen, stellen mehr Menschen ein, nicht weniger – warum taucht das in keinem Wahlprogramm als Argument auf, und woher kommt dieser blinde Fleck? Die Frage kam aus dem Publikum und blieb der unbequemste Moment des Abends.
Die Hälfte der Anmeldungen kam von Gründer:innen und Co-Founder:innen, dazu knapp ein Drittel Engineers und AI-Builder – zusammen etwa vier von fünf. Der Rest verteilte sich auf Forschung und Studium, Policy und öffentlichen Sektor sowie Investment.
85 Prozent der Angemeldeten sind in Berlin ansässig, weitere sechs Prozent anderswo in Deutschland. Das ist für AIB die bislang klarste Bestätigung, dass hier eine Berliner Community sitzt und nicht eine verteilte Online-Zuhörerschaft – ein deutschsprachiger Abend zur Landespolitik filtert genau dafür.
Jede angemeldete Person hat ein Unternehmen oder eine eigene Gründung angegeben, zusammen rund 50 verschiedene Organisationen. Gefragt nach dem Interesse nannten die meisten schlicht den Abend selbst – daneben aber auch den Builder Pass, einen eigenen Auftritt bei einem künftigen AIB-Event und das Agentic Economy Forum am 14. Oktober.
Circuit hat den Abend in seinem Community-Space in Kreuzberg ausgerichtet und die Eventseite mitgetragen. The AI Collective kam als Community-Partner dazu und hat das Programm eröffnet. Keiner von beiden ist zahlender Sponsor dieses Abends – beide stehen hier, weil sie etwas Echtes beigetragen haben.
Agentic Commerce zieht sich als roter Faden durch die gesamte AIB-Season. Als Nächstes: das Agentic Economy Forum am 14. Oktober am Merantix AI Campus, 150 kuratierte Plätze, kostenfrei nach Bewerbung – danach der Agentic Hackathon am 19. Oktober.